Max Bense – Journalistische und philosophische Beiträge zwischen 1930 und 1950

Bearbeiterin: Alexandra Skowronski

Das Projekt konzentriert sich auf die frühen journalistischen und philosophischen Texte Max Benses aus den Jahren 1930 bis 1950. Bense steht hier als signifikantes Beispiel für jene Akteure im Fokus, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus als ambitionierte Schriftsteller und Publizisten erfolgreich um akademische und gesellschaftliche Visibilität bemüht haben, die dabei aber weder als erklärte Regimegegner noch als Kollaborateure oder gar NS-Ideologen in Erscheinung traten.

1937 bei Oskar Becker und Erich Rothacker in Bonn über „Quantenmechanik und Daseinsrelativität“ promoviert, versuchte Bense neben seiner Anstellung in der Industrie als wissenschaftsjournalistischer und philosophischer Schriftsteller zu reüssieren. Entsprechend verfasste er in den 1930er und 1940er Jahren ein breites Spektrum an Aufsätzen und monographischen Texten: Vornehmlich in der Kölnischen Zeitung, aber auch in Organen wie etwa der Europäischen Revue oder der Wochenzeitung Das Reich veröffentlichte Bense zahlreiche Beiträge zur modernen Physik und Mathematik sowie Besprechungen geisteswissenschaftlicher Schriften. Zugleich publizierte er etliche umfangreichere philosophische Essays und Lehrbücher: So polemisiert er etwa in der wortgewaltigen Schrift Anti-Klages oder Von der Würde des Menschen (1937) gegen den populären Lebensphilosophen Ludwig Klages, plädiert in dem hermetisch erscheinenden Text Die abendländische Leidenschaft oder Zur Kritik der Existenz (1938) für eine Form der Synthese von Geist und Leben, schreibt Vom Wesen deutscher Denker oder Zwischen Kritik und Imperativ (1938), bezieht in Aus der Philosophie der Gegenwart (1941) Stellung zur zeitgenössischen Philosophie oder beteiligt sich u.a. mit Sören Kierkegaard. Leben im Geist (1942) an der Kierkegaard-Renaissance der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese frühen Arbeiten des kaum 30-jährigen Bense sind bislang nur punktuell bekannt und beispielsweise in der vierbändigen Ausgabe ausgewählter Schriften (Max Bense: Ausgewählte Schriften in vier Bänden. Herausgegeben und mit Einleitung, Anmerkungen und Register versehen von Elisabeth Walther, Stuttgart 1997/98) nahezu gänzlich ausgeklammert. Das Korpus erlaubt allerdings symptomatische Einblicke, nicht nur in die ‚geistige Biographie‘ Benses, sondern auch in die Konstellationen von ‚Geist‘ und ‚Macht‘ zwischen 1933 und 1945, denn Bense hatte sich mit seinen Texten nicht zuletzt an aktuellen, mitunter scharf geführten Debatten beteiligt und war in diesen Jahren gut mit zeitgenössischen Dichtern, Wissenschaftlern und Intellektuellen vernetzt gewesen.

In der Dissertation erfolgt die Lektüre seiner Texte weder mit ideologiekritisch oder gar apologetisch motiviertem noch mit genuin philosophiehistorischem Interesse. Vielmehr konzentriert sich die Arbeit vor dem Hintergrund des kontroversen Wissenschaftsbegriffs und der weltanschaulichen Heterogenität des Nationalsozialismus in literaturwissenschaftlich informierter Perspektive auf die publizistischen, argumentativen und rhetorischen Strategien, mit denen Bense sich und seiner Agenda im „Überzeugungssystem“ Nationalsozialismus Gehör zu verschaffen suchte. Dabei stehen verschiedene thematische Schwerpunkte wie etwa Benses fortwährender Bezug auf Nietzsche und Kierkegaard, seine Affinität zu den aktuellen Entwicklungen in den Naturwissenschaften und seine gattungstheoretischen Reflexionen über den Essay im Zentrum. Das Erkenntnisziel der Arbeit besteht nicht zuletzt darin, anhand eines signifikanten Beispiels Aussagen über Verhaltensstrategien und Karrierewege während des Nationalsozialismus zu treffen sowie spezifische Strukturen und Funktionen weltanschauungsliterarischen und essayistischen Schreibens zwischen 1933 und 1945 herauszustellen.